Hugo von Hofmannsthal, Bearbeitung Manfred Wekwerth

8. GlückAufFest Jedermann

Deutsche Erstaufführung
Stéphane Hessel
EMPÖRT EUCH!
aus dem Französischen von Michael Kogon

PREMIERE: 16.09.2011

Wallahalla und Wolfgang Schmitz Juschka Spitzer, Friedrich Rößiger Alexander Wulke, Bernd Färber
Hanka Mark, Marco Matthes Eva Kammigan Heinz Klevenow
Hanka Mark, Friedrich Rößiger Wolfgang Schmitz, Friedrich Rößiger Anna Kramer, Sybille Böversen

REICHER MANN UND ARMER MANN STANDEN DA UND SAHN SICH AN. UND DER ARME SAGTE BLEICH: WÄR ICH NICHT ARM, WÄRST DU NICHT REICH.
BERTOLT BRECHT

I. Tanz des Todes.

Regie - Sewan Latchinian
Ausstattung - Tobias Wartenberg
Musik - Wallahalla
Dramaturgie - Gisela Kahl
Choreographie, Stagemanagement - Ingo Zeising
Stagemanagement - Christina Linser
Stagemanagement - Heidrun Gork
Stagemanagement - Mirko Warnatz
Stagemanagement - Ramona Bransch

Es spielen:

Jedermann - Gesamtes Ensemble
5. Jedermann, Frau des Richters - Sybille Böversen
Glaube, Frau des Arztes - Eva Kammigan
Werke, Mammon, Gogo-Tänzerin - Anna Kramer
Buhlschaft, Mammon, Ärztin, Engel - Hanka Mark
Jedermanns Frau, Mammon, Gogo-Tänzerin - Maria Prüstel
Akrobatin - Susanne Schindler
Guter Gesell, Ärztin, Engel - Juschka Spitzer
Jedermanns Mutter, Mammon, Frau des Schuldknechts, Frau des Militärs - Catharina Struwe
2. Jedermann, Mammon - Till Demuth
Teufel - Bernd Färber
Gott, Stéphane Hessel "Empört Euch!" - Heinz Klevenow
Militär, Mammon - Roland Kurzweg
3. Jedermann, Mammon - Marco Matthes
4. Jedermann, Koch - Friedrich Rößiger
Schuldknecht, Richter, Knecht - Benjamin Schaup
Tod - Wolfgang Schmitz
Arzt - Lutz Schneider
Pfarrer - Mirko Warnatz
1. Jedermann, Hausvogt - Alexander Wulke
Gogo-Tänzer - Ingo Zeising
Theaterjugendclub, Seniorentheaterclub, Statisterie

Jedermann ist reich. Er dünkt sich, Herrscher der Welt zu sein. Da schickt Gott den Tod zu ihm. Doch Jedermann feiert stattdessen das Fest der Ewigkeit.

Am Rande der Stadt Senftenberg, um und in SNOWTROPOLIS, wo Himmel und Wasser, Eis und Schnee, Hitze und Energie aufeinandertreffen, spielen wir das Stück vom Leben und Sterben des Jedermann. Flankiert von der Autobahn, die die Metropolen Berlin und Dresden verbindet, zwischen Tiroler Bergarchitektur, Elektroenergietrasse, Kunsteisbahn und dem futuristisch anmutenden Kubus der Schneehalle, ist ein magischer Ort entstanden. Er ist von den Verwerfungen der Vergangenheit ebenso geprägt wie von der Sehnsucht nach einer Zukunft, die den gravierenden Veränderungen, denen die Menschen der Region in jüngster Geschichte ausgesetzt waren, Sinn und Ziel verleiht.

EIN BEQUEMES SHUTTLEFAHRZEUG BRINGT SIE AUF DIESES METAPHERNREICHE GELÄNDE...

Alexander Wulke, Till Demuth, Marco Matthes, Friedrich Rößiger, Sybille Böversen Ensemble Hanka Mark Friedrich Rößiger, Hanka Mark, Mirko Warnatz, Catharina Struwe, Wallahalla Catharina Strwue, Wolfgang Schmitz, Hanka Mark, Roland Kurzweg Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Mirko Warnatz Uli Elsäßer, Hanka Mark, Sybille Böversen, Ingo Zeising, Maria Prüstel, Hannes Schindler, Esther Undisz Maria Prüstel, Ingo Zeising

II. Tanz des Lebens.

Regie - Esther Undisz
Ausstattung - Tobias Wartenberg
Musikalische Leitung - Wallahalla
Dramaturgie - Gisela Kahl
Dramaturgie - Igor Holland-Moritz
Choreographie, Stagemanagement - Ingo Zeising

Im zweiten Teil des Abends erleben Sie ein Fest der Sinne, in dem Sie selbst die Hauptakteure sind. Die Band WALLAHALLA und alle Schauspieler feiern mit Ihnen zusammen das Lebensglück. In der Kunsteishalle, in der Sie soeben noch das Spiel vom Leben und Sterben des reichen Jedermann, seine Heimsuchung durch den Tod und seine Reue in letzter Stunde, erlebt haben, richten wir für Sie eine Party aus. Es erklingen Lieder, die das Leben besingen, und es gibt Musik zum Tanzen, die jeden, aber auch jeden aufs Parkett locken wird. Machen Sie sich ruhig schön, werfen Sie sich in Schale oder lassen Sie Haut blitzen, ganz wie Sie wollen, wenn es der Freude dient. Auch die kulinarischen Reize werden nicht zu kurz kommen. Lassen Sie sich wie immer überraschen!

...UND NACH DURCHTANZTER NACHT BRINGT SIE DAS SHUTTLEFAHRZEUG SICHER ZURÜCK.

Programmheft 8. GlückAufFest JEDERMANN

KRITIKEN / AUSZÜGE

Die Sport- und Vergnügungshallen von Snowtropolis sind der symbolträchtige Ort, an dem die NEUE BÜHNE Hofmannsthals moralpathetisch christliches Weihespiel vom Leben und Sterben eines reichen Mannes vor 400 Zuschauern erdet.
Während bei den Salzburger Festspielen die Moritat von einem einzelnen Reichen jedes Jahr folkloristisch auf den Domstufen ausgestellt wird, holt Regisseur Sewan Latchinian das Stück (in Manfred Wekwerths brechtianisch didaktischer Version) hinein in unsere Zeit. Wir stecken mitten drin in der Geldgesellschaft, sind Beteiligte. [...] Der Reiche ist hier kein einzelnes Individuum, sondern eine vielköpfige Menge, später teilen sich fünf Schauspieler die Rolle und geben der Figur bei deren Bemühen, sich vor dem Tod davon zu stehlen, viele Facetten. [...] Der Jedermann als aktuelles Gesellschaftspanorama. Gott ist ein Penner, und der Tod steigt im Ganzkörperanzug aus der Mülltonne. Auf Stegen eilen Guter Geselle, Schuldner, Mutter, Frau und Koch zum Reichen. Der Geselle wird als Zuarbeiter ausgenutzt, der Schuldner, als Bittsteller mit Plakatträgerin und Megaphon, bekommt die moral- und sozialfreien Bankgesetze erklärt und ein Abschleppseil als Galgenstrick überreicht, die Frau joggt mit neuem Einkaufsgeld zur nächsten Konsumtour, und der Koch muss das Essen von gestern in die Tonne schütten. [...] Dass alle menschlichen Beziehungen kaputt sind, arbeitet die Inszenierung im munteren Schauspielerspiel so lehrstückhaft wie unterhaltsam heraus. Das böse Spiel ist beherrscht von Fun und Entertainment, und die Band WALLAHALLA spielt auf. Doch die Gesellschaft ist kalt. Weshalb wir hinüber wandern in die Skihalle Snowtropolis. Der Reiche fährt im schicken Cabriolet mit der Buhlschaft vor, die sich mit mächtigem Busen und brauner Körperfarbe zum ordinären Medienprodukt ausstaffiert, während eine Fotografenmeute sie umdrängelt. [...]

Doch dann steht Heinz Klevenow als Stéphane Hessel im Schnee. Er vermittelt so klar wie pathosfrei dessen Analyse einer Gesellschaft voller sozialer Ungleichheit und fordert "Empört Euch". Latchinians gesellschaftskritische Inszenierung setzt einerseits auf effektvolle Unterhaltung und steckt voller szenisch sinnlicher und satirischer Szenen, holt aber andererseits das Geschehen immer wieder in die analytische Ernsthaftigkeit zurück. [...] Wie hier der Reiche um sein Leben und einen Gefährten auf seinem Weg feilscht, bietet viele schauspielerisch prägnante Momente. Und wenn des Reichen Geldsäcke aus der Garage marschieren, dem Reichen aber die Gefolgschaft versagen, wird das Wesen der Geldgesellschaft in ein wunderbar komödiantisches Bild gefasst. Seine Werke, eine kränkliche Figur hinter riesigem Pappkopf, vermögen dem Reichen ebenso wenig zu helfen wie der Glaube. Doch es gibt ja Ärzte: Während der Reiche bei Hofmannsthal für den christlichen Glauben hergerichtet wird und vor seinem Tod bereut, überlebt er in der Lausitz und wird nach einer Operation, bei der er wohl sein Herz verliert, wieder für ein "normales" Leben hergerichtet. Es ist alles eben nur Theater. Tolles Theater.
Dem Stück als "Tanz des Todes" folgt, inszeniert von Esther Undisz, ein "Tanz des Lebens". Die Schauspieler singen, spielen und tanzen in einem musikalischen Programm so einfallsreich, dass sie das Publikum bis weit nach Mitternacht zum gemeinsamen Tanzen zu animieren vermögen. So kann, ja sollte Theater sein: ein gesellschaftliches Ereignis, lustvoll und mit tieferer Bedeutung.
Lausitzer Rundschau, 19.09.2011

Beim GlückAufFest wird Berlin zum Vorort von Senftenberg, und der reiche Jedermann kommt in den Himmel.
Alle starren mitten im Sommer in den Schnee. Der reiche Jedermann gibt dort ein Fest. Mit Strip und Show, viel Klamauk und noch mehr Kunstgewerbe. Gott hat ihm den Tod angekündigt, aber Jedermann denkt nicht ans Sterben. Für sein Geld kann er sich alles kaufen: die Buhlschaft, den Pfaffen, den Richter. Kurzberockte Nonnen flitzen durch den Schnee, Gebirgsjäger rauschen hinterher, Weihnachstmänner dudeln seichte Schlager. Plötzlich wird es mucksmäuschenstill. Ein alter Mann in KZ-Kleidung tastet sich über den Schneehang. Sagt: Das Schlimmste ist die Gleichgültigkeit. Achtet die Menschenrechte. Leistet Widerstand, schafft Neues. Er geißelt die Macht des Geldes, ruft auf zu Gewaltlosigkeit und Versöhnung der Kulturen. Sätze aus der Streitschrift "Empört Euch!" des 93-jährigen Pazifisten und Frankreichs "Rebell der Stunde" Stéphane Hessel. Der Auftritt des Moralisten, gespielt von Heinz Klevenow, ist der Stich ins Wespennest der Spaßgesellschaft, wird zum Kontrapunkt des Senftenberger "Jedermann"-Spektakels, das bejubelte Premiere hatte.
Bei "Jedermann" denkt man an Salzburger Festspiele. Mit viel Rummel, Touristenabzocke und dem immergleichen Stargetöse. In Senftenberg ist "das Ensemble der Star", sagt Intendant und Regisseur Sewan Latchinian. [...] Die Regie befreit das Drama aus "seiner katholischen Umklammerung" und setzt es als derb-deftiges Fastnachtsspiel in Szene. Wie zu Zeiten von Hans Sachs, dem Urvater des Stoffs.
Die Senftenberger NEUE BÜHNE beginnt die Spielzeit traditionell mit einem "GlückAufFest", bereits zum achten Mal. Die Feste sind ein ungeheurer Kraftakt des gesamten Ensembles, alle geben 150 Prozent. Die Aufführung spart nicht an Maschinen und Prospekten (Ausstattung Tobias Wartenberg). Die Schauspieler leisten Schwerstarbeit, spielen mehrere Rollen, schwitzen in Ganzkörperanzügen mit Riesenbusen und Riesenpimmeln. Ob Mann oder Frau, fast jeder im Ensemble ist mal Jedermann. Schwer, jemanden hervorzuheben. Juschka Spitzer als frech-ironischer Guter Gesell findet geduckt den aufrechten Gang. Bernd Färber als sympathischer Teufel ist ein Hingucker aus der Unterwelt. Wolfgang Schmitz mit dickem Klumpfuß gefällt als gelangweilter Tod. Alexander Wulke, Till Demuth, Marco Matthes, Friedrich Rößiger, Sybille Böversen begeistern [als Jedermänner] das Publikum.
Sewan Latchinian inszeniert das Ringen Jedermanns um Unsterblichkeit als "Tanz des Todes", als bunten Reigen aus Revue und Drama, aus Persiflage und Komödie. Das geht schwer los, im "Kühlschrank" passiert optisch mehr, so richtig heiß wird es aber erst im Schlussteil. Da stimmt alles: Tempo, Augenmaß, Absicht. In Salzburg kommt der bekehrte Jedermann in den Himmel. In der Lausitz auf den OP-Tisch, und dann holt ihn, unter starkem Beifall des Publikums, der Teufel.
Sächsische Zeitung, 19.09.2011

Glanzvoller Stoff in brandenburgischer Provinz: Die NEUE BÜHNE Senftenberg eröffnet ihre Spielzeit mit Hugo von Hofmannsthals "Jedermann".
Er steht für glamouröse Theaterabende, für die ganz große Show: der "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal. Jahr für Jahr wird die Geschichte des reichen Mannes, der sich erst angesichts des Todes zu Gott hinwendet, bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. Wer spielt den Jedermann? Wer seine Buhlschaft? Und vor allem: Welche Prominenten sitzen auf dem Domplatz in der ersten Reihe? Um das mit eigenen Augen sehen zu können, zahlen Zuschauer weit mehr als hundert Euro. All dieser Pomp ist an der NEUEN BÜHNE Senftenberg unvorstellbar. Die teuerste Karte kostet hier 39 Euro. Und genau dieser Gegensatz macht ihre Spielzeiteröffnung so spannungsreich. Während des 8. GlückAufFests zeigt das ambitionierte Theater den fast hundert Jahre alten "Jedermann" erstmals in der Niederlausitz. Senftenberg? Das ist eine Kleinstadt im Süden Brandenburgs, mitten in einer strukturschwachen Region, die bis zur Wende vom Braunkohleabbau lebte. "Seither ist die Gegend auf der Suche nach einer neuen Identität", sagt Sewan Latchinian, Intendant der NEUEN BÜHNE und Regisseur der "Jedermann"-Inszenierung.
Dafür verwebt er das Stück mit Stéphane Hessels Pamphlet "Empört Euch!". Die pazifistische Schrift des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers erschien im vergangenen Herbst und wird an der NEUEN BÜHNE jetzt zum ersten Mal aufgeführt. Ein auf die allgemeinen Menschenrechte pochendes, ein agitatorisches Werk. Einen einzigen Jedermann gibt es in Senftenberg nicht, er wird kollektiv verkörpert. Die Hauptrolle wird mal von einer Person, mal von einer Gruppe und mal vom ganzen Ensemble gespielt. Er habe sich für diesen Zugriff entschieden, da das Stück sich nicht um ein Einzelschicksal drehe, sondern etwas über die ganze Menschheit sage, erklärt Latchinian. Es geht um Leben und Tod, um Liebe und Macht, um Geld und Armut.
Um ein bisschen Attraktion, ein bisschen Salzburg kommt man übrigens auch in Senftenberg nicht herum. Statt im gewöhnlichen Theatersaal spielt der "Jedermann" in einem Freizeitpark am Stadtrand, direkt an der Autobahn Dresden-Berlin. "Snowtropolis" heißt er. In einer Skihalle kämpft der reiche Mann hier gegen den Tod. Auch wenn der Jedermann in Senftenberg nicht in den Himmel gehoben wird, gipfelt die Vorstellung in einem fröhlichen Fest.
SPIEGEL-online, 14.09.2011

 

Party, statt Bekehrungspathos.
rbb-Kulturradio, 17.09.2011

 

8. GlückAufFest: Jedermann - Sewan Latchinian inszeniert den Moralschinken in Senftenberg mit Schmackes und spannendem Ende.
Wenn Intendant Sewan Latchinian in Senftenberg darauf verfällt, den "Jedermann" zu inszenieren, kann man sich denken, dass es dabei eher weniger feierlich zugeht. [...] Alles begann mit Latchinians traditionellem GlückAuf-Einläuten auf dem Theaterhof, dann stieg das zahlreiche Publikum in zweistöckige Shuttlebusse und ließ sich zum Spielort kutschieren, dem sagenumwobenen Snowtropolis. Zunächst saß man bei normalen Temperaturen in der Tennishalle. All schauten in Guckkastenmanier in die gleiche Richtung auf eine Bühne, die im Wesentlichen aus der Vorderfront eines Tiroler Einfamilienhauses der oberen Gehaltsklasse bestand, und erlebten den ersten Akt, wie man ihn kennt. Also: Gott schaut desillusioniert auf die Menschen, und es fällt ihm zu ihnen nichts mehr ein, als dass einer von den besonders Schlechten, der reiche Jedermann beispielsweise, mal eine Abreibung bräuchte. Der Tod soll ihn (vorfristig) holen und vor Gottes Gericht zerren.
Wie schon der Name unmissverständlich andeutet, gibt es viele Jedermanns, und so traten sie in Senftenberg denn auch zunächst in Masse auf. Über den ganzen Abend verteilt gaben sich fünf Exemplare dieser Spezies den Satffelstab in die Hand, was zunehmend interessanter wurde. Nach einer Stunde hatte Jedermann den drohenden Tod erfolgreich verdrängt und lud zum großen Fest. Raus an die frische Luft und hinein in 12 Grad Minus und an den Hang. Die meisten Zuschauer hatten warme Sachen mitgebracht, außerdem gab es rote Ikea-Decken gratis und sogar Glühwein. Der zweite Teil war im Wesentlichen eine Show on Show, mit Attraktionen wie Nönnchen auf Snowboards, einem Papppanzer, der sich den Hang hochquält, oder dümmlichen Werbesprüchen des Showmasters. Auf dem Höhepunkt der Dekadenz dann der Hessel-Text, von Heinz Klevenow mit der nötigen Dringlichkeit, aber glücklicherweise den schlichten Text nicht überfordernd auch schlicht gesprochen. Zurück in der Tennishalle war jetzt tatsächlich das langsame Sterben des Jedermann zu erleben, der um seine Existenz feilschte, bzw. am Ende nur noch um sein Geld. Da war der Gute Gesell gar nicht mehr gut, weil er seinem Herrn mitnichten auf dessen Weg ins Jenseits folgen wollte, herrlich frech und ironisch: Juschka Spitzer. Da sprang die Regie unverschämt locker zwischen Melodram und Musical hin und her, ließ die Geldsäcke singen und tanzen, und entzauberte so den ganzen moralinsauren Kampf um Jedermanns Seele. Die Allegorien Glauben und Werke, Tod und Teufel waren skurrile Figuren mit Riesenköpfen und handfesten Argumenten, während die Maschinerie zu Jedermanns Rettung im sehr heutigen Krankenhaus-Outfit erschien und einmal mehr deutlich machte: "wer Geld hat, hat auch Krankenwagen". Die eigene Wirklichkeit wurde dabei frech zwischen die Hofmannsthal'schen Zeilen gedichtet - und siehe da, der Stoff vertrug das gut. Am Schluss erfanden die Lausitzer ihr ganz eigenes Ende für den Jedermann, sich selbstbewusst gegen das des Berliners oder gar Salzburgers behauptend: Der Senftenberger Jedermann kommt nicht in den Himmel. Und wenn doch, dann wenigstens nicht seine vielen Stellvertreter. Und derer gibt's genug.
Nach vielen Stunden Theater luden Schauspieler und Musiker noch zu einem Tanz des Lebens ein, für den ein scheinbar niemals müde werdendes Ensemble noch extra Tanz- und Gesangsnummern aus dem Hut zauberte und das Publikum zur eigenen Aktivität animierte. Hochachtung!
nachtkritik, 16.09.2011

Zum Saisonauftakt verlässt die NEUE BÜHNE Senftenberg ihr Theaterhaus, um uns, den Mitgliedern der Freizeit- und Spaßgesellschaft, beim nun schon 8. GlückAufFest mit Hugo von Hofmannsthals vor 100 Jahren in Berlin uraufgeführten "Jedermann" den Spiegel vorzuhalten. [...] Wenn Herr Jedermann in der Lausitz Gott verhöhnend sein Fest der Ewigkeit feiert, anstatt sich vor dem Weltgericht des Herrn einzufinden, tut er das nicht an einer mittelalterlichen Eichentafel und im Wams, sondern - wie es heutzutage in der Welt der Reichen und nicht immer Schönen üblich ist - im Schnee. Ja, Wintersport gehört zum guten Ton der Jedermänner unseres von Finanzjongleuren und Finanzkrisen beherrschten Planeten. Wie auch schnittige Cabriolets: Im dröhnenden Ford Mustang bahnen sich der, nein, ein reicher Jedermann (Marco Matthes) und seine in jeder Hinsicht üppig ausstaffierte Buhlschaft (Hanka Mark) lichthupend und winkend den Weg durch die Menschenmenge.
Ein reicher Jedermann? Mit Alexander Wulke, Till Demuth, Marco Matthes, Friedrich Rößiger und Sybille Böversen gibt es derer gleich fünf. Und anfangs auch noch mehr. Zum Auftakt des vom Intendanten Sewan Latchinian nach einer Stückfassung von Manfred Wekwerth turbulent und mit deutlichen Verweisen auf die Gegenwart inszenierten Abends spricht nämlich das ganze Ensemble vom Balkon eines alpenländisch anmutenden Eigenheims Jedermanns Text im Chor. [...] Und so kommen der Herrgott als Obdachloser, der Schuldknecht und seine Frau als greinende Vertreter der Unterschicht in Trainingsanzügen und mit Plastiksäcken daher, während Jedermann seine sportliche fitte Ehefrau auf Shoppingtour  schickt, um mit seiner Geliebten um die Häuser und in die Skihalle zu ziehen. Die Festgesellschaft trägt edlen Pelz, goldenen Flitter und Tand, lümmelt in einer knallroten Ledersitzgruppe herum und lässt sich vom Hausvogt durch ein an eine Fernsehshow erinnerndes Programm führen, während die drei Musiker der Band WALLAHALLA so manchen Wohlklang, aber auch allerlei schräge Töne produzieren. Alles in der Welt strebt dem Gelde zu. Mit großer Geste wird das von Jedermann denn auch verteilt - aluminiumkofferweise.
Es ist ein karnevalesker Zirkus der Eitelkeiten, ein schriller Tanz ums goldene Kalb, den Latchinian inszeniert. Nur kurz erfährt der eine Unterbrechung: Heinz Klevenow spricht den Text von Stéphane Hessels unlängst erschienener Streitschrift "Empört Euch!". Vorsichtig tappst der Schauspieler durch das Eis der Welt, gibt ruhig den alten Résistance-Kämpfer, der seine Ideale nie aufgegeben hat. Dann geht das bunte Feiern weiter.
Es ist kein schönes Theater, das uns die Senftenberger zeigen, doch in jeder Hinsicht eins, das sich nah und hart an der Wirklichkeit bewegt. Der Aufwand ist immens und es beeindruckt erneut, wie das kleine Haus ein derartiges Theaterhappening auf die Beine zu stellen vermag. Dafür donnernden Applaus. Bis weit nach Mitternacht folgt dann das von Esther Undisz inszenierte Fest auf der Insel des Glücks: Musik und Tanz für jeden Mann und jede Frau - ganz ohne Jedermann.
Märkische Allgemeine, 24.09.2011

Warum erst ins ferne Salzburg oder nach Berlin reisen, wenn es "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal nun auch im naheliegenden Senftenberg gibt. [...] Latchinians Inszenierung setzt auf "Jedermann" in jedermanns Besetzung, und mehrfach wechseln die Darsteller der Rolle, derweil zum Beispiel Wolfgang Schmitz als Tod oder Bernd Färber als Teufel allgegenwärtig bleiben. Nach dem Auftakt geht es hinüber zur Schneepiste, wo mit Marco Matthes als dritter Jedermann unter schwerem Pelzmantel einer der "Geldsäcke" doch tatsächlich im festlich-vergnügten Treiben und leicht beängstigt zu frösteln beginnt. Jedoch nicht viel mehr als einen verzögerten Augenblick lang, und genau diesen nutzt Latchinian, um eine gewichtige, aktuelle Wortmeldung ins Spiel zu bringen. Heinz Klevenow spricht ohne Allüren und Theatralik über die Verantwortung der Heutigen für diese, ihre Welt, attackiert die Diktatur der Finanzmärkte, Lobbyisten, der auf Provisionen versessenen Banker, nennt als wichtigstes Anliegen, "sich einzumischen, aufzuregen, wütend zu werden".
Es ist ein Auszug aus dem eindringlichen Text des französischen Resistance-Kämpfers Stéphane Hessel "Empört Euch!". Seine Gedanken verfehlen gerade an diesem Ort, in Theaterturbulenz und Eiseskälte, keinesfalls ihre aufrüttelnde Wirkung. Vielleicht ist ja überhaupt das ganze Spektakel nur inszeniert worden, damit sich diese Worte abheben und festhaken können im Gedächtnis. "Empört Euch! als Kernstück.
Natürlich gibt es bei diesem Fest auch allerlei Kurzweil und Mummenschanz. Und rundum hat die Theaterausstattung Beachtliches geleistet, bietet übergroße Figuren sowie Köpfe, schafft kuriose Ganzkörpertrikots für die Höllen-Reisenden. Wenn (nun wieder in der Tennishalle) Jedermann schlussendlich zum Teufel fährt, bekommt die Geschichte erneut Konturen. Und es gibt stimmungsvolle, entfernt einzusehende Szenen im Hause, wo die stets markanten Musiker von WALLAHALLA kontrastreich aufspielen.
Schließlich wird im Schattenspiel Jedermann wiedererweckt, und schon wackelt Mammon als kurios klimpernde, im Misserfolg ausgebüxte und wieder heimkehrende Geldsäcke zu ihm zurück. Damit dem Publikum letztlich nur schöne Erinnerungen bleiben, wird dieses auch gleich noch zu Fortuna mit allen Sinnesfreuden geladen, und Esther Undisz hat daraus einen "Tanz des Lebens" gemacht, an dem alle mitwirken können.
Dresdner Neueste Nachrichten, 30.09.2011

In Senftenberg holt Regisseur Sewan Latchinian die Geschichte in unsere Zeit hinein. Es gibt nicht nur einen Jedermann. Jedermann, ob auf der Bühne oder davor, kann Jedermann sein. Das wird auch durch das Spiel des vielköpfigen Schauspielensembles deutlich, das gemeinsam oder einzeln als Jedermann auf der Bühne steht. Fünf Schauspieler zeigen mit einzigartigem Spiel den facettenreichen Charakter eines Jedermann. Eines Jedermann, der reich, herzlos gegenüber den Armen, arrogant vergnügungssüchtig ist und glaubt, mit seinem Geld auch den Tod eliminieren zu können. Aber die Todesangst kann er nicht überwinden und fällt immer wieder in tiefe Depressionen. Die aber schnell verfliegen, wenn mit Wein, Weib und Gesang gefeiert wird. Auch die anderen Figuren des Stückes werden von den Darstellern mit Witz, Ironie und Tragik dargestellt. Durch seine facettenreiche Darstellungskunst gelingt es dem Schauspielensemble und den Musikanten der Band WALLAHALLA, ein klares Gegenwartspanorama zu zeigen. [...] Ein tolles Theatererlebnis, eine großartige Unterhaltungsshow mit Tiefgang. Ein jubelndes Publikum. Nach diesem Erlebnis sind die Zuschauer eingeladen am Tanz des Lebens (Regie: Esther Undisz) teilzunehmen. Die Schauspieler und die Band WALLAHALLA musizieren, singen und tanzen populäre Tanz- und Unterhaltungsmusik aller Genres. Sie tun dies mit großer Hingabe, Perfektion und Freude. Die Herzen der Zuschauer schlagen höher und sie tanzen gemeinsam mit den Schauspielern bis in den frühen Morgen hinein.
Niederlausitz aktuell, 20.09.2011

Das Theater Senftenberg stemmt jedes Jahr im Herbst ein Großprojekt: das "GlückAufFest". Es ist nun bereits das achte unter der Leitung von Intendant Sewan Latchinian. [...] Die Absicht des Abends trifft den Nerv der Zeit: Der Todestanz eines Zeitalters kreist vor unseren Augen. Wenn sich alles ums Geld dreht, wenn alles käuflich wird, verliert alles seinen Wert. Und so ist der Herr Jedermann hier tatsächlich jedermann: mal ein Chor identisch gekleideter Schauspieler, mal dieser, mal jener - alles scheint auswechselbar.
Der zweite Teil des so barock-gegenwärtigen Totentanzes ist in die Skihalle verlegt worden. Da amüsiert sich eine Gesellschaft zu Tode - und die Zuschauer erfrieren fast dabei.
Ein alter Mann tritt plötzlich aus der Kälte: Stéphane Hessel, dem das Senftenberger Urgestein Heinz Klevenow eine sehr deutsch-protestantische Eindringlichkeit gibt, und spricht das Manifest der Stunde: "Empört Euch". [...] Da erwacht auf dem Grunde des Spektakels der Appell, sich nicht zum Objekt femder Interessen machen zu lassen, die unaufhaltsam, vom Geld dirigiert, dem Untergang entgegentaumeln, sondern sich zu engagieren für das, was Leben lebenswert macht.
Dann stehen wir wieder in der lauen Oktoberluft und ein anderes Stück beginnt: der "Tanz des Lebens". Denn dies ist das GlückAufFest immer auch - widerständige Lust am Spiel, am Feiern mit allen, die gekommen sind.
Neues Deutschland, 11.10.2011

Wenn Intendant Sewan Latchinian von einer Inszenierung auf einem anderen Planeten nach dem Weltuntergang sprach, war das nur geringfügig übertrieben. [...] Seit der Uraufführung gilt "Jedermann" als Selbstbeweihräucherung des Bürgertums;die zahlreichen Folgeinszenierungen arteten meist in Weihefestspiele aus. Sewan Latchinian, der die Senftenberger Aufführung inszenierte, wollte dagegen das Stück aus seiner katholischen Umklammerung befreien. Dank einer Textbearbeitung durch den Brecht-Schüler Manfred Wekwerth ist ihm das in großen Teilen gelungen. Auch, indem er selbst den Kultstatus des Stückes gnadenlos verulkt. In Latchinians Inszenierung ist "Jedermann" ein stinknormaler Yuppie, wie er uns von jedem Wahlplakat der FDP entgegengrinst - überzeugt von der Allmacht seines Reichtums, erbarmungslos gegen alle "Verlierer". Und Gott, der ihn daraufhin erbost zum Tode verurteilt, ist ein zerlumpter Obdachloser. [...] Höhepunkt ist das Fest anläßlich Jedermanns bevorstehenden Ablebens: [ein furioses Spektakel]. [...] Pfarrer, Militär, Richter und Arzt prügeln sich um Jedermanns Geldkoffer; das Ganze ist musikalisch umrahmt von einer Rock-Adaption des Liedes vom "Schnitter Tod" (Gruppe WALLAHALLA).
Konterkariert wird der schaurig-schöne Totentanz von einem Texteinschub aus dem Manifest "Empört Euch!" des französischen Resistance-Kämpfers Stéphane Hessel (Heinz Klevenow). [...] Sehr schön inszeniert ist das "Ballett des Mammons": Mit Geld vollgestopfte Säcke machen sich tanzend über ihren sterbenden Noch-Besitzer lustig.
junge Welt, 21.09.2011

In der Schneehalle präsentiert ein Entertainer die korrupten Einflussträger der Gesellschaft: Kirche, Industrie, Justiz, Militär und Medizin bekommen vom Reichen ihre Geldkoffer, während Nonnen, Soldaten und Krankenschwestern den Abhang hinunter snowboarden: eine Gesellschaft in Talfahrt. Eine Artistin am Seil turnt eine Wein-Verkaufsschau, doch dann steht Heinz Klevenow als Stéphane Hessel im Schnee. Er vermittelt pathosfrei dessen Analyse einer Gesellschaft voller sozialer Ungleichheit und fordert "Empört Euch". Latchinians gesellschaftskritische Inszenierung setzt auf effektvolle Unterhaltung und steckt voller szenisch sinnlicher und satirischer Szenen. Der Abend: ein logistisches Meisterstück und enorm unterhaltsames Bedeutungstheater.
Märkische Oderzeitung, 20.09.2011

 

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