DER ELEKTRIKER - DIE GESCHICHTE DES DAVID SALZ
Szenische Collage von Katharina Schlender, Lea Rosh und Sascha Jakob
Deutsche Zweitaufführung
Szenen: Katharina Schlender
Dokumentarfilmteile: Lea Rosh, Sascha Jakob und Joachim Lühning
Premiere: 7. November 2008 / BÜHNE
Regie: Sewan Latchinian
Bühne: Tobias Wartenberg
Kostüme: Maria Frenzel
Musik: WALLAHALLA
Dramaturgie: Gisela Kahl
Stagemanagment: Ramona Bransch, Christina Linser
Hospitanz: Carolin Chyla, Christine Schwarzkopf
Es spielen:
Johanna-Julia Spitzer
Juschka Spitzer
Christine Schwarzkopf
Lutz Aikele
Till Demuth
Bernd Färber
Heinz Klevenow
Alexander Wulke
David Salz trug die Nummer 107939 des Konzentrationslagers Auschwitz. Er überlebte, weil er den Mut besaß zu lügen. In der szenischen Collage geht der heute 79- Jährige gedanklich noch einmal den Weg zurück, den er als 13- Jähriger beschritt. Seine deportierte Mutter suchend, fragt er bei der Gestapo nach und wird nach Auschwitz transportiert. Er übersteht die Selektion, weil er sich älter macht und einen Beruf erfindet, der gerade gebraucht wird: Elektriker. Nach dem Krieg kehrt er in seine Heimatstadt Berlin zurück und übt Vergeltung für die Denunziation seiner Eltern. In deren früherer Wohnung findet er den Verräter und schlägt zu.
In Anlehnung an Interviews mit dem heute in Tel Aviv lebenden David Salz ist ein einzigartiger Theatertext entstanden, in dem es um Fragen von Schuld, Vergeltung, Opfer- und Täterschaft geht – Fragen, die sich immer wieder und besonders im Jahr des 70- jährigen Gedenkens an die Novemberpogrome von 1938 stellen.
Kritiken / Auszüge
Dresdner Neueste Nachrichten
Die Neue Bühne Senftenberg erinnert an den 9. November 1938 und den darauf folgenden Massenmord an den europäischen Juden mit einer Inszenierung der szenischen Collage „Der Elektriker – Die Geschichte des David Salz“Und dennoch stellt sich die Inszenierung von Intendant Sewan Latchinian der Beurteilung als Bühnenereignis. Sie spielt in einem Raum, der in seiner jede Aussicht versperrenden, lieblos pragmatischen Dürftigkeit (Bühne: Tobias Wartenberg) nicht nur an KZ erinnert. Die Menschen erscheinen zumeist in gnadenloser Nacktheit, gekennzeichnet nur durch Insignien von Macht und Ohnmacht (Ganzkörpertrikots: Maria Frenzel), wenn man so will in gleicher Nacktheit wie die traurige Affenkapelle, die zwischen Episoden aus der bürgerlichen Welt vor die Szene gerollt wird, Orwells Farm der Tiere in Rückübersetzung. Doch nicht als Fabel oder makaberes Schelmenstück, sonder als eine Art Urtragödie. Denn es geht um Allgemeineres: um die Verderbnis der Gesellschaft wie des Einzelnen durch Neid, Hass und schließlich Krieg, um die Menschen, die doch, wo auch immer, in erster Linie ihr bisschen Glück, ihr klein wenig Sicherheit wollen, aber immer wieder aus dem Gleichgewicht gebracht werden von Anspruch und Schicksal des Nachbarn, im Guten wie im Bösen. Das ist die Herausforderung an die Schauspieler, der diese mit zunehmender existentieller Zuspitzung deutlicher gerecht werden. Da offenbart auch der nüchterne Text von Schlender seine Poesie. Sinnfällig die Rollenwechsel im Spiel der hellen und dunklen Seiten statt eines vergröbernden Schwarzweiß. Alexander Wulke ist der willfährige, opportunistische Komponist, in selbstverliebter Gefühligkeit auch als Lagerältester: immer präzise, mit vielen Nuancen. Lutz Aikele hält als Dachdeckerkapo dagegen, doch auch als schwarzem amerikanischen Soldaten vergeht ihm das Lachen, hielt er doch den Deutschen mit der eintätowierten Nummer für einen SS-Mann, der als solcher zu erschießen wäre. Räson mit mehr Glück als Verstand. Heinz Klevenow gibt den Prototyp des funktionierenden Militärs, mit menschlichen Zügen, die er gleichsam als Alibi inszeniert als Lagerkommandant, die er verwirft als russischer Kommandant, dem der Krieg alles genommen hat. Wofür er sich nun rächt, enthemmt mit Wodka, an einer Schwangeren. Doch dieser Offizier ist es auch, der David Salz im realen Leben zurück nach Berlin bringt, beladen mit einem Koffer des scharfen Getränks und Durst auf Rache.In Senftenberg hat dem um sich greifenden Drang zum Vergessen ein kleines engagiertes Ensemble widerstanden, in dem auch Anna Hopperdietz, Juschka Spitzer, Christine Schwarzkopf, Till Demuth und Bernd Färber sowie die Musiker von WALLAHALLA ihre Zeichen setzten.
Antenne Brandenburg
Ein einzigartiger Text. Ein so noch nie gesehenes Theaterstück, live begleitet von der Berliner Kultband WALLAHALLA.
rbb-Fernsehen
Am Jahrestag der Reichspogromnacht dem 9. November sorgt die NEUE BÜHNE Senftenberg wieder für allerhöchste Aufmerksamkeit. Es geht um Schuld und Vergeltung. Authentisch, aber künstlerisch überzeichnet wird der Schrecken den David Salz überlebt hat auf der Bühne gezeigt.
Neues Deutschland
Die Bühne (Tobias Wartenberg) ist ein dunkelgrauer Raum, jahrzehntelang von Tauben beschissen. Doch auch ein Käfig mit lebenden, schneeweißen Ringeltauben hat hinten in der Ecke seinen Platz gefunden. Ansonsten ein grobgezimmerter Holztisch und zwei ebenso klotzige Stühle. Und manchmal werden auch drei ziemlich verstaubte Zirkusaffen hereingeschoben, die erst reglos an ihren Instrumenten hängen und im weiteren Verlauf die Szenen durch ihre Rummelmusik trennen. Auf einem abgerissenen Tüllvorhang – und auf zwei eher kleinen Fernsehmonitoren – flimmern die Filmausschnitte des David Salz. Er erzählt, die Schauspieler spielen. Er läuft quer durch das Stelenfeld. Er kann noch keinen Stein niederlegen. Nein, das geht erst zum Schluss, am Ende des Stückes, seiner Geschichte, die vor seinem Wohnhaus beginnt und endet.David Salz ist authentisch, es gibt ihn wirklich – und immer noch. Zu diesem Schicksal ein Spiel zu gesellen, das ebenso tief durch die Haut geht, das ist Sewan Latchinian und seinem Ensemble auf hochspannende Art gelungen. Prall ohne jegliche Tabus. Alle Schauspieler stehen in grob wattierten Ganzkörpertrikots auf der Bühne. Brüste sind dick und drall, Ärsche rund, den Männern hängt ein Stoffpimmel zwischen den Beinen. Muskeln und Fett treten genau so hervor wie Rippen eingefallen wirken (kongenial: Maria Frenzel, Hannelore Täuber). Denn die Schauspieler sind mal Häftling, mal KZ-Wachmannschaft, mal russischer Offizier, mal amerikanischer Soldat, mal Vergewaltiger, mal Vergewaltigungsopfer. Gerade das Extreme des Kostüms und der Maske (Tatjana Waldenmaier) macht ein völlig entfesseltes Spiel erst möglich. Atemberaubend, wie die zwei Vergewaltigungsszenen gelöst (und gespielt) wurden. Alexander Wulke und Till Demuth spielen zwei Häftlinge, wo der eine der Lagerälteste, den anderen, seinen „persönlichen Kontakter“, in die Schmach und somit an den Tod am Elektrozaun treibt, der die „Grenze zum Meer“ ist. Und dann Heinz Klevenow, mal menschelnder Lagerkommandant, dann Häftling, und in seiner stärksten Szene russischer Offizier, der, noch ganz unter dem Eindruck der Hassparolen eines Ilja Ehrenburg, dem schwangeren deutschen Mädchen (Anna Hopperdietz, schmerzlich anrührend) das Leben in ihr auf immer zerstört. Die Weiber, die einst die größten Nazissen waren (Juschka Spitzer und Christine Schwarzkopf) schauen nach dem Krieg durch eine Fahne mit herausgeschnittenem Hakenkreuz. Und ganz zum Schluss legt David Salz doch noch (im Film) seinen Stein nieder und sagt die so richtigen Worte: „Never again“. Und dann kommt er auf die Bühne. Redet ergreifend. Dankt dem Intendanten, Lea Rosh, den Schauspielern, die wie befreiend – jetzt in ihren Jeans und T-Shirts dankbar den Applaus entgegennehmen. Weiterspielen, weiterspielen!
rbb-Kulturradio
Ein bedrückender und bewegender Abend.
Märkische Allgemeine Zeitung
Senftenberg ist der zweite Versuch, den Stoff auf dir Bühne zu etablieren. Am Hans-Otto-Theater Potsdam waren Salz´s Erinnerungen 2006 als filmisch-szenische Collage uraufgeführt worden.Was nun unter der Regie von Sewan Latchinian gespielt wird, ist eine veränderte Fassung, die deutlich stärkere Bühnenakzente setzt. Die Filmsequenzen – aufgenommen von Lea Rosh, Sascha Jakob und Joachim Lühning – sind auf ein Minimum reduziert. David Salz geht darin als alter Mann durch seine Geburtsstadt Berlin. Seine Biographie umgibt die anschließenden Theaterszenen wie ein Rahmen. Ihn auszufüllen überlässt Autorin Katharina Schlender Regisseur Latchinian und seinem Ensemble. Die Inszenierung profitiert davon, indem sie David Salz zwar zum Gegenstand von Dialogen macht, ihn aber an keiner Stelle wirklich auftreten lässt. Eine Stärke der Senftenberger Produktion liegt auch darin, dass sie von Salz´s Schicksal abweichen kann und die grausame Bandbreite des Kriegs zeigt. Die acht Schauspieler tragen hautfarbene Ganzkörpertrikots (Kostüme: Maria Frenzel). Dadurch wirkt das Geschehen archaisch, denn die Proportionen sind übertrieben. Der Krieg nimmt den Menschen die Gestalt. Doch letztlich sind sie alle gleich.
Lausitzer Rundschau Kultur
Es gibt überhaupt nichts Schwierigeres, als sich auf der Bühne mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. Weil sich das Unbeschreibliche, Unfassbare einfach jeder Kunstform entzieht. Im Balancieren auf diesem Höllengrat, wo der Tod den Betroffenen als Gnade erschienen ist, das Ausmaß des Erlittenen die Überlebenden hat verstummen lassen, gibt es in der künstlerischen Auseinandersetzung wohl nur ein Scheitern. Wer sich diesem ungeheuerlichen Thema also verantwortlich stellt, sich auf den Weg macht, das Unmögliche nicht unversucht zu lassen, verdient jegliche Hochachtung. Und das gilt ganz und gar der Neuen Bühne Senftenberg.Sewan Latchinian hat es gemeinsam mit seiner verschworenen Schar in Senftenberg gewagt, und ist genial daran gescheitert. Oder auch nicht, denn die Eindrücke nach der Vorstellung spalten das Publikum in einer Art, dass jeder auf höchst unterschiedliche Weise davon betroffen ist.Beispielsweise dann, wenn Heinz Klevenow als Lagerkommandant und Bernd Färber als Schneider Franz Kowalski fast freundschaftlich miteinander umgehen – eine Freundschaft wie die von einem Metzger und seinem Schlachttier.David Salz, der mit seiner Familie extra aus Tel Aviv angereist ist und dem Inszenierungsteam, Lea Rosh wie ebenso dem bewegten Publikum nach der Premiere in Senftenberg mit starker Emotionalität dankt. Welch ein berührendes Bild: die Darsteller, die Musiker, sie alle auf der Bühne gemeinsam mit diesem Mann, der der Hölle entkommen ist, rettende Schutzengel hatte und auch den Mut besaß zur Rache.
Sächsische Zeitung
Nach der Uraufführung in Potsdam lädt nun die Neue Bühne zu einer bekennenden Inszenierung ein, die kaum theatergerechter vorstellbar wäre. Die junge Autorin Katharina Schlender beschreibt das Schicksal des jüdischen Kindes, Latchinian verquickt es fließend mit dokumentarischen Filmmaterial, Originaltönen von David Salz und musikalischen Einsätzen einer Combo im Affenkostüm. In konsequenter philosophischer Überlegung, wieso denn jemand in Uniform über Menschen ohne Uniform herrschen dürfte, macht Maria Frenzel die Menschen äußerlich gleich – nämlich nackt. Diese durchaus brisante Kostümidee gerät zum Gleichnis, wenn sich Till Demuth neben seine (Kostüm-)Haut stellt, während Alexander Wulke sie fast unschuldig vergewaltigt. Heinz Klevenows russischer Kommandant gerät zu einer Schlüsselfigur.Tobias Wartenberg setzt die Zuschauer auf seine Bühne. Sie erleben auf gewollt engstem Raum historischen Alltag an verschiedenen Handlungsorten. Ein Tisch und zwei Stühle genügen, um ihre Phantasie anzuregen und den unsentimental vermittelten Horror deutscher Vergangenheit nachzuerleben. Der Beifall des Publikums braucht Zeit, um dann stürmisch anzuhalten.