Nikolai Erdman
DER SELBSTMÖRDER
Aus dem Russischen von Thomas Reschke
17.09.2010
Ausstattung - Tobias Wartenberg
Musik - Wallahalla
Dramaturgie - Gisela Kahl
Stagemanagment - Christina Linser
Stagemanagment - Heidrun Gork
Hospitanz - Nico Gagelmann
Hospitanz - Paul Marwitz
Es spielen:
Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow - Marco MatthesMaria Lukjanowna Podsekalnikowa - Hanka Mark
Serafima Iljinischna - Catharina Struwe
Alexander Petrowitsch Kalabuschkin - Daniel Borgwardt
Aristarch Dominikowitsch Grand-Skubik - Bernd Färber
Kleopatra Maximowna - Inga Wolff
Raissa Filippowna - Heidrun Gork
Oleg Leonidowitsch - Ulrich Münzberg
Sargträger 1 - Frank Köckritz
Sargträger 2 - Reino Pösch
Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow ist ein Bürger, zur Zeit ohne Arbeit. Er hat eine Frau, eine Schwiegermutter, eine Wohnung und solchen Hunger, dass er seine Frau mitten in der Nacht weckt und um etwas Leberwurst bittet. Damit nimmt die Katastrophe, sprich: Komödie, ihren Lauf. Semjon droht, sich das Leben zu nehmen, und macht sich mit der geklauten Leberwurst aus dem Staub. Die Botschaft seines beabsichtigten Selbstmordes wird zum Fanal und er selbst zum Helden, dem die Öffentlichkeit zujubelt. Sein Tod soll das schlafende Gewissen des Landes wecken. Semjon nimmt Abschied vom Leben, indem er sich erstmal ordentlich Mut antrinkt... Erdmans satirische Komödie ist eine Liebeserklärung an das Leben.
PROBEBÜHNE BRECHT
15 AUSVERKAUFTE VORSTELLUNGEN
VOM 17.9. - 31.10.2010!
KRITIKEN / AUSZÜGE
Theater heute, November 2010
Sonst gehört aller Raum den Schauspielern. Regisseur Sewan Latchinian hat seine Truppe zum Widerstand beflügelt. Nicht, dass sie sich nicht an den Sehnsuchtsschrei „Nach Moskau“ klammerte, aber Hilflosigkeit schrumpft nicht zu Resignation, Jammern wird nicht zugelassen. Als wüssten sie, dass durch Anpassung, Unterwerfung, Sich-Einrichten in der Depression zum unwiderruflichen Tatbestand einfrieren würde, was als latentes Gefühl der Bedrohung allgegenwärtig ist. […]
Aber dann diese Lebensnähe, diese irdische Bindung der Frauen. Als Werschinin – Alexander Wulke, imposante Erscheinung, manchmal unentschieden zwischen Schwadroneur und Ernst, zur letzten Umarmung auf Mascha (Juschka Spitzer) zustürzt, ist sie es, die den Geliebten voller Empörung ohrfeigt. Ehe sie wieder Fassung gewinnt. Das ist einer der wenigen Momente, in denen ein Hauch Humor das Drama von Verzicht und Niederlage erhellt. In der Brandnacht sind es die Frauen, die mit besonnenem Handgriff und ohne Hysterie alles Entbehrliche einsammeln, den Katastrophenopfern beizustehen.
Latchinian erzählt die Geschichte schnörkellos, kein Samowar summt, kaum klirren die Gläser. Nur selten ein Ausbruch, in dem unterdrückte Gefühle jäh aufflammen. Eher lässt sich der Kraftaufwand ahnen, der nötig ist, um der Verführung zur Resignation zu widerstehen. Eine spielerische Energie, die hier zweifellos nicht nur aus dem Studium der Literatur gewonnen wird.
Gegen den Strich der Konvention gebürstet auch Tschebutykin. Heinz Klevenow macht aus dem trunkenen Zyniker den Zeitgenossen, der nüchtern kommentiert – und später mit dem ruppig aufbegehrenden Rap des Wyssozki-Songs ein Stück Geschichte in die Gegenwart holt. So wird mit diesem „russischen Abend“ das 7. GlückAufFest zu einem Höhepunkt der immer im Heutigen wurzelnden Senftenberger Theaterarbeit.
Rheinischer Merkur, Nr. 38/2010
Gezeigt wird dieses Mal nur Russisches von Tschechows „Drei Schwestern“ bis zu russischen Liedern samt fröhlichem Umtrunk. Intendant Sewan Latchinian (der auch Erdmanns „Der Selbstmörder“ inszenierte) zeigt Tschechows Stück einfach unsentimental ohne russische Seele und Folklore zwischen Komik und Verzweiflung, Aufbruch und Scheitern. Überzeugend auch die anderen Beiträge.
Theater der Zeit, November 2010
Nach gut sieben Stunden Theater waren alle wie besoffen – erleichtert, glücklich, begeistert. Das Konzept des diesjährigen GlückAufFests als Gesamtkunstwerk, nicht nur als Anhäufung von Einzelstücken, ist voll aufgegangen. […] Der durchschlagende Erfolg des Senftenberger Unternehmens beruht auch darauf, denke ich, dass damit ein spezifisch ostdeutsches Lebensgefühl berührt wird. Wir Zuschauer sind zu Gast bei den Schwestern in der russischen Provinz. Bühnenbauer Tobias Wartenberg setzt die große Familientafel auf die (aufgehobene) Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum und platziert uns – die wir nicht nur die Beobachtenden, sondern auch die Betroffenen sind, anteilnehmend an den Sehnsüchten, Irrtümern, Selbsttäuschungen der Spielenden – drum herum. […] Geht Castorf in der Volksbühne mit seiner neuen Tschechow-Version eher zurück (in Spielweise wie szenischem Outfit an seine Dostojewski-Inszenierungen anknüpfend), so schaut Sewan Latchinian vorwärts, quasi via Ibsen (die „Lebenslüge“) auf die Gegenwart, unsere Gegenwart. Und er hat dafür ein wunderbares Ensemble zur Verfügung. An der Spitze die drei Schwestern Eva Kammigan, Juschka Spitzer und Maria Prüstel. Ihnen gelingt, auch die psychologischen Nuancen auszuloten, die Ambivalenz in den Beziehungen bzw. Nichtbeziehungen, die offenen und versteckten Animositäten, die oft schroffen Brüche zwischen Beleidigung und Umarmung. […]
Nach diesem Hauptstück des Abends (in der kräftig-heutigen Übersetzung von Thomas Brasch, ohne gewaltsame Kürzungen) hat der Zuschauer die Wahl zwischen vier „Miniaturen“ auf den Probe- und Studiobühnen. Der Hausherr selbst inszeniert Nikolai Erdmans „Selbstmörder“ als Posse in der Stummfilm-Ästhetik der Entstehungszeit des Stücks (1928) mit dem vielversprechenden Senftenberger Neuzugang Marco Matthes als Podsekalnikow. Christoph Schroth entdeckte „Die Kröte“ des Zeitgenossen Sergej Medwedjew (1960 geboren), Esther Undisz wiederentdeckte „Zwanzig Minuten mit einem Engel“ von Alexander Wampilow (1962 geschrieben), und Justus Carrière inszenierte als deutsche Erstaufführung „Nächtliche Stimmen“ von Nikolaj Schmeljow (Monolog nach einer 1988 entstandenen Erzählung) mit Sybille Böversen. […]
„Na Sdorowje!“ Auch das eine Zeitreise, von den „Moskauer Abenden“ über „Kalinka“ (den Hit des legendären Alexandrow-Ensembles) bis zu den aufrührerischen Liedern Wladimir Wyssozkis und den wodkaseligen Hits der Russendiscos unserer Tage. Angefeuert von den Musikern von Wallahalla (die schon beim „Selbstmörder“ Akzente setzten), ging es tief hinein in die russische Seele. Und es hat funktioniert, das „Konzert“ organisch aus dem Milieu und der Stimmung der „Drei Schwestern“ heraus zu inszenieren und damit den Kreis zu schließen, das Gesamtkunstwerk „Dostoprimetschatelnosti“ zum krönenden und bejubelten Abschluss zu bringen. […] Ohne prostituierendes Ranschmeißen an das Publikum gelingt eine vertrauensgestützte Begegnung auf Augenhöhe. Das zu bewirken, ist vielleicht überhaupt das Wichtigste an den GlückAufFesten, und die sind immer auch praktischer Beitrag zur immer noch verkrampften Diskussion um die Zukunft der deutschen Stadttheater, um verkrustete Strukturen und strangulierende Sparzwänge. Wer in diesem Prozess das Publikum auf seiner Seite weiß, hat noch nicht gewonnen, aber die bessere Ausgangsposition.
Märkische Allgemeine Zeitung, 20.09.2010
Früh an diesem sieben Stunden dauernden Abend sagt Heinz Klevenow einen jener Sätze, die lange im Kopf hängen bleiben, ja, wie ein Motto durch das Senftenberger Theater schwingen. Ganz beiläufig sagt der Schauspieler in der Rolle des Armeearztes Tschebutykin: „Die Natur hat uns nur für die Liebe gemacht.“ Klevenow blickt dabei nicht einmal auf. Doch gerade deshalb steckt in diesem Satz die Erfahrung eines Lebens – all die enttäuschten Hoffnungen, die Angst vor dem Tod und der Kummer über die große, aber ungelebte Liebe: der ganze Tschechow also. Das geht unter die Haut.
Zum Auftakt des siebten GlückAufFestes hat NEUE BÜHNE-Intendant Sewan Latchinian Anton Tschechows „Drei Schwestern“ inszeniert. Und es sind gerade die stillen Szenen, diese scheinbar kleinen Momente, welche die Inszenierung ausmachen. Latchinian lässt sein Ensemble das Spiel ganz aus dem Text entwickeln (Dramaturgie: Gisela Kahl). Da gibt es keine aufgesetzten Regieeinfälle. Selbst die Albernheiten der Prosorows und ihrer melancholischen Gäste am Fastnachtsabend – Andrej (Wolfgang Schmitz) heftet sich eine Schweinsnase und ein Ringelschwänzchen an und erntet wie kurz zuvor Klevenow in Keltenrock und Gallierhelm glucksende Lacher – resultieren letztendlich aus der genauen Lektüre der Vorlage. Juschka Spitzers Mascha vergeht fast vor Traurigkeit. Eva Kammigans Olga ist eine kraftvolle und doch sensible Pragmatikerin, während Maria Prüstel ihre Irina jugendlich sprunghaft, mitunter sehr quitschend-quirlig zwischen dem unendlich gutmütigen Baron Tusenbach Bernd Färbers und Roland Kurzwegs gnadenlosem Soljony hin und her hüpfen lässt. Alexander Wulke versteckt Werschinins Unglück hinter aufgesetzter Heiterkeit. Inga Wolffs Natascha wiegt nach ihrer Wandlung vom schüchternen Landei zur biestigen Hausherrin nicht den Erstgeborenen sondern ein Hündchen im Arm.
„Dostoprimetschatelnosti“ heißt der Abend. Doch vergessen ist, wie sie uns im Russischunterricht mit dieser Vokabel gequält haben. Denn Senftenberg beweist, dass die russische Kultur weit mehr zu bieten hat, als jene in der DDR politisch korrekt verordneten „Sehenswürdigkeiten“ des großen Bruderlandes. Nach den „Drei Schwestern“ gibt es vier – parallel gespielte – Stücke zu sehen: Nikolai Erdmanns „Der Selbstmörder“, Sergej Medwedjews „Die Kröte“, Nikolaj Smeljows „Nächtliche Stimmen“ und die von Esther Undisz als genaue und bitterböse Provinzmilieustudie wie Stalinismusabrechnung in Szene gesetzten „Zwanzig Minuten mit einem Engel“ Alexander Wampilows.
Neues Deutschland, 22.10.2010
Für eine Stadt mit nicht einmal 30 000 Einwohnern gehört unvorstellbar viel Enthusiasmus dazu, ein Theater mit gut einhundert Mitarbeitern zu finanzieren, darunter ein Ensemble von 16 fest angestellten Schauspielern. Und schließlich ist da immer noch der lange Schatten von Gardeoberst Iwan Soldatow, der in Senftenberg nach Kriegsende Theater – befahl. […] Vielleicht meint man in Senftenberg, dass Soldatows Befehl immer noch gilt, jedenfalls hat das Theater bislang noch jede Finanzierungskrise überstanden. Und jetzt vor dem Theater ein ganzes russisches Dorf. Golden leuchten die Zwiebeltürme vor Senftenberger Wohnblocks. Dostoprimetschatelnosti!
Das Konzept erinnert an das der Volksbühne während der frühen Castorf-Zeit. Unwiderstehliche Euphorie des Spiels. Die „Glück auf“-Feste zur Saisoneröffnung sind Dionysien, Theaterorgien der ausdrucksstärksten Art, bei denen jeder Zuschauer unweigerlich zum Mittäter wird oder es gern werden möchte. Das erzeugt diese besondere Atmosphäre hier, in der sich dann auch tatsächlich regelmäßig Außergewöhnliches ereignet.
Ein langer, wunderbar langer russischer Abend und dabei doch ganz und gar nicht folkloristisch. In der Mitte des Zuschauerraums eine große Tafel mit gusseisernen Kronleuchtern. Hier spielt Tschechows „Drei Schwestern“. Die Zuschauer sitzen im Kreis. Es wird Tee für alle serviert, dann auch Wodka und Kaviar. Und doch ist das keine bloß kulinarische Inszenierung. Latchinian hat dafür ein viel zu ambitioniertes Ensemble mit jungen Schauspielern und solch unverwüstlichem Theaterurgestein wie dem Wendezeitintendanten Heinz Klevenow. Inga Wolff, hier als Natalja Iwanowna, Aufsteigerin der unangenehmen Sorte, ist seit Jahren schon dabei und zu einer charismatischen jungen Schauspielerin geworden. Eva Kammigan, Juschka Spitzer und Maria Prüstel sind die drei Schwestern. Sie prägen sich ein mit ihrer vom langen Warten malträtierten Sehnsucht. Das ist großartig gespielt, ebenso von Wolfgang Schmitz als ihrem Bruder Andrej, von dem man nicht weiß, ob man in ihm nun einen Versager oder doch eher einen lebensklugen Stoiker sehen soll.
… Dann spielt man kürzere Stücke parallel, Karten dazu werden im „russischen Roulette“ ausgelost. Ich sehe „Die Kröte“ von Sergej Medwedjew, Regie: Christoph Schroth. Eine junge Frau, die mit ihrem Mann in einer tristen Plattensiedlung wieder einmal wüst streitet, verwandelt sich, als er sie „Kröte!“ beschimpft, tatsächlich in eine solche – was nicht ohne Probleme für künftiges Zusammenleben ist. Eva Kammigan, eben noch Olga in „Drei Schwestern“, ist die Kröte, um eine Stunde später schon wieder beim Abschlussliederabend „Na Sdorowje“ dabei zu sein, der bis nachts ein Uhr dauert. Manchmal macht nichts so glücklich wie Überforderung.
Dresdner Neueste Nachrichten, 21.09.2010
Die Begrüßung mit Brot und Salz und einem Glas Schampanskoje stimmen den Besucher ein, der […] in den Salon der Familie Prosorow gelangt. […] Hier beginnt und endete ein Sieben-Stunden-Abend, der wohl von kaum jemandem als Marathon empfunden, sondern bis zum letzten Abendlied fast frenetisch gefeiert wird.
… die drei so ungleichen Schwestern nehmen, eine nach der anderen, irgendwie ihr Schicksal in die Hand, und am Ende hat man sogar das Gefühl, dass sie das Scheitern ihrer Illusionen stärker machen wird. Die pralle Olga (Eva Kammigan), als Schuldirektorin in ihrer gutmütigen Lebenslust, die leidenschaftliche Mascha, die in ihrer Liebe zu dem zynisch-schwärmerischen Oberstleutnant Werschinin (Alexander Wulke) zumindest ihr wahres Wesen erkennt. Wie auch die energiegeladene Irina (Maria Prüstel), die – fast im Gegensatz zur Anlage bei Tschechow – dem musisch veranlagten Baron Tusenbach (Bernd Färber), zumal in einem vierhändigen Duett am Stutzflügel, doch viel näher erscheint, als sie sich selbst eingestehen will. Schließlich sind es nur der herzhaft vertrottelte, von seiner Nicht-Existenz überzeugte Militärarzt Tschebutykin (Heinz Klevenow) und der vermickerte Lehrer Fjodor, Maschas Ehemann, die sich weigern, die umgebende Realität vollständig wahrzunehmen. Das ist ihre Art, sich mit den Gegebenheiten zu versöhnen. Regisseur Latchinian lässt das in der Schwebe, er moralisiert nicht, sondern gibt vielmehr der Frage Tusenbachs, ob sich die Dinge wirklich immer wieder in gleicher Weise wiederholen, eine verhalten optimistische Antwort. Seine Inszenierung, in der er auf ein spielfreudiges und dabei auch noch erzmusikantisches Ensemble bauen kann, ist dafür eher etwas kräftig gezeichnet, tendiert zur Komödie und zeitweise gar zu Groteske. Er holt die Geschichte unaufdringlich nahe an die Gegenwart. […] Der Zuschauer ist vor dem vierten Akt reif für ein echtes „Wässerchen“, nachdem er in den Umbaupausen zuvor Tee bzw. Kwas zu kosten bekommt, pianistisch unterhalten nicht nur vom Baron, sondern auch von dessen eher als stumpf und grob geltendem Rivalen Soljony (Roland Kurzweg).
Latchinians zweite Inszenierung […], Nikolai Erdmanns „Der Selbstmörder“, bewegt sich nun wirklich zwischen absurdem Theater, Groteske und schwarzer Komödie. Als der arbeitslose Semjon Semjonowitsch Postekalnikow (Marco Matthes) eines Nachts feststellen muss, dass keine Leberwurst mehr im Haus ist, hat er das Leben endgültig satt, zumal auch sein letzter Versuch, auf die Schnelle Tuba zu lernen und dann damit kräftig Geld zu verdienen, kläglich scheitert. Die zwei Frauen, unter deren gnadenlos erostötender Fuchtel er steht (Gattin und Schwiegermutter), verfolgen interessiert und hoffnungsvoll sein Bemühen, während sich eine Schar von Interessenten um den potenziellen Selbstmörder reißt, um mit dessen demonstrativem Ableben für sich oder ihre Klientel zu werben, sei es nun die ganze vom Kreml unterdrückte Intelligenzia oder nur die eine oder andre Dame, die ihre vermeintliche Verruchtheit aufwerten will. Doch Postekalnikow entdeckt beim Spielen am Abzug erst die neue Freiheit, dass er nun auf niemanden mehr Rücksicht nehmen müsse – und damit auch die Lust am Leben. Aber während er die ganze Blase um sich her mit einem Scheintod narrt und durch seine unverhoffte Auferstehung aus dem Sarg in Ohnmacht fallen lässt, hat sich bereits ein Nachahmer in seinem Namen entleibt…
Das Pendant zu diesem teuflischen Spiel bieten die „Zwanzig Minuten mit einem Engel“ von Alexander Wampilow, inszeniert von Esther Undisz, die das unverkennbare Kolorit dieser Provinzanekdote aus Sowjetzeiten mit etwas boulevardeskem Zuckerguss überzieht. Die beiden Dienstreisenden Ugarow (Benjamin Schaup) und Antschugin (Friedrich Rößiger), die da nach drei durchzechten Nächten gewissermaßen mitten unter den Zuschauern völlig verkatert und mittellos aufwachen, gebärden sich als rechtschaffene Taugenichtse, indem sie sich überbieten mit untauglichen Ideen, Geld für neuen Stoff aufzutreiben. Weder die Nachbarn noch die Zimmerfrau lassen sich anpumpen. Doch als Antschugin schließlich das Fenster aufreißt und einen Hilferuf hinausschreit, klopft es wenig später an die Tür und ein freundlicher Herr im korrekten grauen Anzug blättert die erbetenen 100 Rubel auf den Tisch. Was freilich nicht mit Dankbarkeit, sondern mit zunehmendem Argwohn quittiert wird, je weniger überzeugend dieser angebliche Agronom Chomutow (Wolfgang Schmitz) das Motiv seiner Freigiebigkeit erklären kann. Als sich die gesamte skurrile Hotelbesatzung nur noch darum streitet, ob man den inzwischen an einen Stuhl gefesselten Wohltäter der Polizei oder gleich einem Irrenhaus ausliefern soll, erzählt der seine wahre Geschichte – und siehe da, wo der vermeintliche Engel nur Hass und Ablehnung erfährt, begegnen einem reuigen Sünder Solidarität und Verbrüderung. Auch hier öffnet sich über das Fremd-Vertraute eine berührende Perspektive der wirklichen Werte im Leben.
nachtkritik.de
Drei Schwestern: Eine ungemein sehenswerte Ensemblearbeit… Heftig bejubeltes gelungenes 7. GlückAufFest.
Lausitzer Rundschau, 20.09.2010
Gerade hat Frank Castorf das Stück mit seinem Volksbühnenensemble erst in Moskau und Wien und dann in Berlin herausgebracht. Während Castorf meint, noch heftig gegen eine Aufführungstradition ankämpfen zu müssen, die einmal von melancholischer Einfühlung bestimmt war, geht Regisseur Sewan Latchinian mit Tschechows Stück souveräner um. Seine Schauspieler, obwohl in historischen Kostümen, spielen ganz selbstverständlich auch Menschen von heute, Menschen mit all ihren Widersprüchen, die mit ihren scheiternden Sehnsüchten und ihrem dauernden Reden über Leben und Zukunft der Menschen wiedererkennbar wirken. Die Inszenierung verliert sich nicht in einfühlsame Liebenswürdigkeit, sondern bereitet ein Figurenpanorama der Emotionen aus, das grotesk, unfreiwillig komisch, traurig und bestürzend realistisch wirkt, uns betrifft und nahegeht.
Auch räumlich kommen uns Tschechows Figuren sehr nah, denn der Zuschauerraum wurde überbaut und mit dem Bühnenraum vereint (Bühnenbild: Tobias Wartenberg). So sitzt das Publikum mit im Wohnzimmer der Prosorows. […] Ein kreuzförmiger, großer Tisch bestimmt den Raum. Das Publikum sitzt an allen vier Seiten um ihn herum und kann auf Tischchen zwischen den Sitzen abstellen, was alles ihm zwischen den Akten des pausenlosen dreistündigen Abends zwischen den Akten serviert wird (unter anderem Tee, Warenje, Kwas und Wodka).
Was geboten wird, ist sinnliches Schauspielertheater. Das Frauentrio ist sehr unterschiedlich, schon äußerlich. Neben Irina (Maria Prüstel), einer kleinen Blondine ganz in Weiß, die ihre Lebenslust mit Anmut und Witz in zappeliger Munterkeit auslebt, wirkt die kräftige Eva Kammigan als Olga eher resolut und realistisch, während die schwarzgewandete Mascha der Juschka Spitzer in ihrer Traurigkeit schier ertrinkt. Nach dem Erscheinen des neuen Batteriechefs aber, mit dem sie eine schwärmerische Affäre beginnt, blüht sie auf. Wie Juschka Spitzer diese Mascha vom Trauerkloß in eine Frau mit neuer Liebe und Lebenslust verwandelt, ist sehenswert. Der hochgewachsene Alexander Wulke gibt diesen Batteriechef nicht als einen verhaltenen, traurigen Denker, als der er oft gezeigt wird, sondern als handfesten Mann mit Kraft und heftigem Frohsinn. Ohnehin zeigt die Inszenierung wenig traurige russische Seele, sondern führt sehr direkt Menschen zwischen Komik und Sehnsucht, Stagnation und scheiterndem Aufbruch vor. Wolfgang Schmitz lässt den Bruder der drei Schwestern in seiner anschwellenden Körperfülle resignieren, Inga Wolff strafft sich als seine Verlobte und spätere Frau ganz beiläufig in die Konzentration einer Herrscherin im Haus hinein (wie viel plakativen Aufwand treibt dagegen Frank Castorf in seiner Inszenierung, um diesen Vorgang herauszuarbeiten).
Bei Latchinian sind alle Figuren im guten Sinne einfach und schmal konturiert. Wenn Soljonin und Irina über Liebe reden, tanzen sie miteinander, sind sich nah und doch fern, und wie der nickelbebrillte Mann Maschas von sich erzählt, enthüllt zugleich die Komik wie die Trauer seiner Figur. Beim Fasching (mit den schönen Kostümen von Maria Frenzel, die ihre Träger ästhetisch zieren und individuell charakterisieren) finden sich alle in einer herrlichen Szene auf dem Tisch zum Reisespiel nach Moskau zusammen, - und dieser lustvolle Höhe- und Hoffnungspunkt wird zum deutlichen Beginn eines Scheiterns aller Lebensentwürfe.
Die Pausen bei den GlückAufFesten sind lang und gehören zu den schönsten Theaterpausen, die ich kenne. Weil das gastronomische Angebot einfallsreich und vielseitig ist, diesmal natürlich mit russischen Spezialitäten, und weil man hierbei mit andern Menschen in Kontakt und Diskussion kommt.
Für den zweiten Durchgang musste man sich zwischen vier Inszenierungen entscheiden: Angeboten werden Nikolaj Schmeljows Erzählung „Nächtliche Stimmen“, der Monolog einer einsamen Frau, die in deutscher Erstaufführung auf die Bühne kam, Alexander Wampilows Einakter „Zwanzig Minuten mit einem Engel“, der als zweiter Teil seiner „Provinzanekdoten“ schon zu DDR-Zeiten gern gespielt wurde, und Erdmanns satirische Komödie „Der Selbstmörder“, in der ein Arbeitsloser durch die Ankündigung seines Selbstmords zum umjubelten und für politische und eigennützige Zwecke eingesetzten Helden wird, der deshalb nicht mehr sterben will.
Ich entschied mich für Sergej Medwedjews aktuelles Stück „Die Kröte“. In dieser Groteske verwandelt sich eine Frau, die von ihrem nur an Fußball interessierten Mann schlecht behandelt und als Kröte beschimpft wird, tatsächlich in eine Kröte, die nur noch quaken kann. Alle Besucher, ob Mutter, Arzt oder Polizist, gehen jetzt bösartig mit ihr um. […] Doch der Ehemann beginnt, weil er nunmehr auf seine Frau achtet, achten muss, sie genauer wahrzunehmen, - und es kommt zu einem Happy End mit Rückverwandlung. Regisseur Christoph Schroth hat diese Groteske nicht spielerisch überdreht, sondern mit einem sichtlich animierten Ensemble als eine kurios-realistische Begebenheit inszeniert, als Menschen-Theater.
Kurz vor Mitternacht dann „Na Sdorowje!“, ein Programm mit russischen Liedern. Dabei wurde viel geprostet und getrunken, das Publikum klatschte nicht nur mit, sondern sang auch mit und ließ sich zu Sportübungen animieren. Das Trio Wallahalla, das rund ein Dutzend unterschiedlichste Instrumente anstimmte, trieb die Schauspieler mächtig an…
Junge Welt, 22.09.2010
Russische Dramatik ist in bundesdeutschen Theaterspielplänen seltener zu finden. Die NEUE BÜHNE Senftenberg, seit 2004 unter der Leitung des Intendanten Sewan Latchinian, ist unbequem wie eh und je. Dramatik ausschließlich aus dem russischen Sprachbereich: „Dostroprimetschatelnosti“ lautet der Titel, Sehenswürdigkeiten. Aber es geht nicht nur ums Sehen, auch ums Hören, Riechen, Schmecken und Beieinander-Hocken – Theater als Ort der Kommunikation. Das Fest ist wie immer opulent. Es beginnt im großen Saal mit Tschechows „Drei Schwestern“ (Übersetzung von Thomas Brasch, Regie Latchinian). Danach laufen vier kleine Stücke zeitgleich an vier kleinen Spielorten. Der Abgesang am Schluß findet wieder im großen Saal statt. Zwischendurch Zeit zum Flanieren: Auf dem Platz vorm Theater ist ein russisches Dorf aufgebaut: Zwiebeltürme, Holzstege über künstliche Teiche, ein gutes Dutzend Holzhüttchen (mit Gardinen), Pelmeni, Bliny, Wodka, Kaviarbrötchen und ähnliches mehr. Event, Folklore, Nostalgie, Ostalgie? Ja. Auch. Aber der Abend ist unendlich viel mehr.
Latchinian und sein Ensemble erzählen die Geschichte von den Sehnsüchten der drei Schwestern und ihres betrüblichen Anhangs, als geschähe sie heute und mitten unter uns. Sie geschieht mitten unter uns. Das ganze Theater eine dunkelrot ausgehängte Stube, Vorbühne und Orchestergraben überbaut mit einer großen Familientafel. Darauf und darunter spielt sich alles ab. Die Zuschauer sitzen ringsherum und haben am Tee- und Wodkatrinken teil. Der Familienzoff direkt vor unserer Nase ist angereichert mit explosivem, sehr modernem Lebensgefühl, ohne daß dem Text Gewalt angetan würde. Tschechow würde sich über diese Interpretation seiner Komödie freuen: unsentimental, hart, direkt – ehrlich bis auf die Knochen. Und absurd. So absurd, wie unser aller Alltag mitunter daherkommt… Sie alle da vor unseren Augen brabbeln, endlos, hilflos, immer im Kreis um den Tisch rum, die Körper vor Anstrengung verrenkend, verzweifelt – brabbeln über das Leben, über das Glück. Es nervt. Daß die da in unserer Mitte ihr Leben einfach nicht auf die Reihe kriegen! Wir mögen sie, hassen sie, erkennen unsere eigenen tatenlosen Sehnsüchte wieder. Über hundert Jahr alt ist das Stück – und so was von gegenwärtig, so was von Provokation! Ade, Nostalgie!
Gar keine Nostalgie auch in den „Zwanzig Minuten mit einem Engel“ von Alexander Wampilow (Regie Esther Undisz) – auch schon fast 40 Jahre alt das Stück, in der DDR wegen seiner radikalkritischen Haltung ein Renner. Funktioniert es heute noch? Und wie! Eigentlich mehr denn je. Einer schenkt zwei Suffköppen Geld. Einfach so. Und stellt damit die ganze Welt des Eigennutzes und der Habsucht auf den Kopf. Folgerichtig wird der „Engel“ behandelt wie ein Verbrecher. Wir sitzen im verkommenen Hotelzimmer. Die Figuren agieren vor unserer Nase mit grimmiger, entschlossener Brutalität. Miese Typen – und trotzdem nicht aufgegeben von Autor, Inszenierung und Darstellern. Sie verteidigen sie. Umso größer ist unser Schmerz über die im Netz der Gier entfremdete, depravierte Menschlichkeit. Wampilows Stück ist auf der Höhe aktueller Kapitalismuskritik. Parallel laufen Nikolai Erdmanns „Selbstmörder“, ein frühes Stück Sowjetdramatik mit einer wüsten Aufführungsgeschichte voller stalinistischer Verbote, und zwei neuere Texte: Sergej Medwedjews „Kröte“ und „Nächtliche Stimmen“ von Nikolai Schmeljow.

