Thomas B. Hoffmann

heimWEH

Premiere am 30. Januar 2010

Regie: Gisela Kahl
Ausstattung: Stephan Fernau
Stagemanagement: Christina Linser
Assistenz: Sarah During

Es spielt:
Sebastian - Catharina Struwe


In dem Stück geht es um „Heim“ und um „Weh“, darum wie leicht die Grenzen zwischen Erziehung und Gewalt durch Eltern verschwimmen können.

Sebastian ist erst fünfzehn Jahre. Trotzdem ist für ihn alles zu Ende: der Tag, das Geld, das Leben. Er steht auf dem Bahnsteig und wird vor den einfahrenden Zug springen. Im Bruchteil einer Sekunde zieht noch einmal sein Leben an ihm vorüber. Seine Erinnerung setzt ein bei der Beerdigung des Lieblingsonkels. Der freiheitsliebende Eigenbrötler war das schwarze Schaf in der „ganz normalen“ Familie. Doch für Sebastian war er der einzige Lichtblick. Denn daheim hat er zwar ein eigenes Zimmer, Spielzeug, Urlaub, aber nicht viel zu lachen. Schläge sind an der Tages-ordnung. Ihre willkürliche Gewalt rechtfertigen die Eltern mühelos vor sich selbst und Sebastian als Erziehung. Mit Schuh oder Faust, Stock oder Gürtel – selbst nachts, aus dem Schlaf geholt: Sebastian weiß nie, wie und wo ihn der nächste Schlag trifft. Soeben noch ganz normale Erwachsene mit Freunden und Kollegen, mutieren die Eltern für ihn blitzschnell zu unberechenbaren Monstern. Die Fassade der heilen Familie bleibt nach außen intakt. Wenn er davon erzählen würde – keiner würde ihm glauben. Aber irgendwie muss er durchkommen. Sebastian legt sich geschickt Überlebensstrategien zurecht. Mit gebrochenem Arm ins Krankenhaus eingeliefert, erfindet er eine abenteuerliche Geschichte, um den Vater nicht zu belasten. In der Schule macht er sich selbst vom Opfer zum Täter, tritt, statt sich weiter treten zu lassen. Allein mit seiner Angst und seinem Selbsthass, weiß er nicht, wie er diese Mechanismen durchbrechen kann. Er läuft weg, kehrt nach sechs Wochen nochmals zurück, sucht die Konfrontation mit seinem Vater und springt vor den Zug. Doch es kommt anders.
Sebastian ist nicht tot, sondern er fängt ein neues Leben an. Er weiß jetzt: Er hat sein Leben selbst in der Hand. Es kommt darauf an, was er daraus macht.

Für Jugendliche ab 14 Jahren.

Kritiken (Auszüge)

Dass Kinder und Jugendliche dort, wo sie eigentlich zu Hause sind, besser gesagt, sein sollten, wie der letzte Dreck behandelt werden, ist weit weniger eine Ausnahme, als man denkt. Sie erleben Gewalt in ihren Familien, sind unmittelbar davon betroffen, werden verprügelt, unter Druck gesetzt, bedroht, erleben ebenso, wie andere Familienmitglieder Repressalien ausgesetzt sind. Für viele Eltern und Kinder ist das unvorstellbar, für andere tägliche, unausweichlich wiederkehrende Qual.
(…) Die Neue Bühne Senftenberg hat jetzt aus Anlass ihres Schülertheatertreffens eine Inszenierung herausgebracht, die sich auf berührende, verstörende Art dem Thema widmet. Mit dieser „Klassenzimmerproduktion“ für Jugendliche ab 14 Jahren wird das Theater künftig in Schulen zu Gast sein. (…) Catharina Struwe spielt diesen Sebastian, und obwohl sie weder eine ganz junge Schauspielerin noch ein Mann ist, quasi aus dem Besetzungsschema deutlich herausfällt, schafft sie es, dass die Zuschauer schon nach kurzer Zeit nicht mehr über ihr Alter oder darüber nachdenken, dass sie eine Frau ist. Durch ihr intensives Spiel in räumlich assoziierter Enge (Ausstattung: Stephan Fernau) ist das Publikum so in die Geschichte hineingezogen, dass alles andere bald unwichtig wird. Vor allem aber sorgen die Erfahrenheit, das Können der Darstellerin für eine bemerkenswerte Tiefe des Spiels, und das ist schon etwas sehr Außergewöhnliches, kommt spürbar auch dem ausgezeichneten Text zugute.
Die Aufführung – zur Premiere gab es Standing Ovations – zeigt ebenso, wie genau und ergründend der Monolog erarbeitet ist. Als Dritte im Bunde hat dafür die Chefdramaturgin des Hauses Gisela Kahl die Regie übernommen, und wer möglicherweise an eine Verlegenheitslösung denken sollte, irrt sich gewaltig. Mal ganz abgesehen davon, dass Gisela Kahl auch schon zuvor beispielsweise erfolgreiche Liederabende herausgebracht hat. Gemeinsam mit Catharina Struwe gelingt es ihr, dass man zunehmend vergisst, im Theater zu sein. (…) Da zahlt es sich aus, dass bei dieser Inszenierung eine Regisseurin mit besonderen dramaturgischen Kompetenzen zu Gange ist – der Monolog driftet zu keiner Zeit in Beliebigkeit oder Langeweile ab, und es wird auch kein Problem sein, diese Spannung in den Klassenzimmern zu halten.

Lausitzer Rundschau, 02.02.2010


Gewalt an Kindern und Jugendlichen in den Familien ist ein brisantes Thema, über das nicht gerne gesprochen wird. Es ist ein Qualitätsmerkmal des Senftenberger Theaters auch brisante Themen auf die Bühne zu bringen. So inszenierte jetzt Gisela Kahl Thomas B. Hoffmanns „heimWEH“.
Wie Catharina Struwe diesen Sebastian spielt, ist grandios. Jede Geste, jeder Augenschlag, jede Körperbewegung, jedes Wort erzählen tausend Geschichte über Sebastian und sein Innenleben. Das Publikum sieht ganz genau, wie Sebastian ist und war. So ein authentisches Spiel sieht man selten. Gespielt wird in einem engen Bühnenbild (Stephan Fernau), das aus schwarzen Quadern besteht. Und diese Enge ist ein idealer Spielort, der von der Struwe voll ausgenutzt wird. Sie wirft sich an die Wände, schlägt auf diese ein und schreibt Sebastians Gedanken und Fragen auf die schwarzen Quader.
Schauspieler, Regisseurin und Bühnenbildner haben es geschafft, das Theater zum Ort des Mitfühlens werden zu lassen.

www.niederlausitz-aktuell.de, 04.02.2010