Deutschsprachige Erstaufführung
Dennis Foon
SCHATTENBOXEN
Premiere: 13. Februar 2010 / Bühne
Regie: Tanja Richter
Ausstattung und Video: Stephan Fernau
Dramaturgie: Esther Undisz
Choreografische Mitarbeit: Ingo Zeising
Stagemanagement: Ramona Bransch, Heidrun Gork
Praktikantin: Christin Rakete
Es spielen
Hanka Mark - Maggie
Friedrich Rößiger - Luke
Benjamin Schaup - Bob
Daniela Voß - Sara
Maggie liebt Bob. Bob liebt Sara. Sara liebt Luke. Und Luke? Der schlägt Sara. Weil sie zu spät zum vereinbarten Treffpunkt kommt. Weil sie die falsche Frisur trägt. Weil sie mit den falschen Leuten redet.
Dennis Foon, in Detroit geboren und heute in Kanada lebend, zeigt das Leben von vier Jugendlichen, die von zu Hause wenig Rückhalt bekommen und den schwierigen Weg ins Erwachsenenleben allein meistern müssen. Ihre Eltern haben wenig Zeit, stecken selbst in Beziehungsproblemen, sind überfordert und reagieren schnell mit Gewalt. Umgeben von falschen Vorbildern kämpfen sich die Jugendlichen durch ihren Alltag, geraten an falsche Freunde und auf manchen Irrweg. Am Ende haben sie einen großen Sieg errungen.
Das Stück wurde mit dem Vancouver Jesse Award ausgezeichnet.
Kritiken (Auszüge)
In der gut eine Stunde dauernden, präzise gearbeiteten Inszenierung finden Regisseurin Tanja Richter, Ausstatter Stephan Fernau und die vier Darsteller für dieses „Schattenboxen“ schöne Bilder. Im englischen Original lautet der Titel „Mirror Games“. Und tatsächlich gleichen die vier Teenager, die uns Foon zeigt, ihren Eltern mitunter wie Spiegelbilder. Was sie erlebt und erfahren haben, leben sie in den Beziehungen, die sie eingehen, nach. Da sind viel Trauer, Sprach- und Hilflosigkeit, jede Menge Resignation, Gewalt und Hass im Spiel. Und doch träumen alle von Zuwendung, Freundschaft, von der wahren Liebe.
Stephan Fernau nutzt dezent und doch wirkungsvoll die Videotechnik. Die Silhouetten der Eltern lässt er als schablonenhafte Gestalten auf die tristen, von Graffiti überzogenen Wände seines an einen betongrauen Schulhof erinnernden Bühnenraumes projizieren. Die Jugendlichen verlassen in diesen Momenten ihre Rollen, sprechen vom Rand aus die Dialoge der Eltern. Da entsteht ein eindrückliches Schattenspiel.
Benjamin Schaup gibt Bob überzeugend als einen liebenswert-naiven Schlacks. Hanka Mark spielt energisch-bestimmt und zeigt Maggie doch als eine hochsensible, offene Schülerin, die als Umweltaktivistin die Welt und als Freundin Sara retten will. Letzterer gibt Daniela Voß ein großes Schwanken auf den schweren Weg als bewunderte Schönheit und gedemütigtes Mädchen. Zwischen selbstbewusster Kaltschnäuzigkeit und Zerbrechlichkeit pendelnd spielt sie ihre Rolle glaubhaft aus.
Mit Hilfe von Maggie und Bob überwindet sie schließlich ihre Angst und trennt sich von Luke (Friedrich Rößiger mit der nötigen Zerrissenheit). Leicht fällt das Schluss-machen Sara nicht. Doch wie sagt Bob so treffend: „Das ist das Leben.“ In der Tat.
Märkische Allgemeine Zeitung, 15.02.2010
Die Neue Bühne Senftenberg hat am Wochenende das Stück „Schattenboxen“ („Mirror Game“) des in Kanada lebenden, aus Detroit stammenden Autors Dennis Foon zur deutschsprachigen Erstaufführung (aus dem Englischen von Anne Fritsch) gebracht, und entdeckt damit frisch und frei den bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten entstandenen Theatertext, der in keiner Weise verstaubt ist. Foon erzählt seine genau beobachteten Geschichten von Sein und Schein, Siegen und Niederlagen, Ermutigung und erniedrigenden Beziehungen gänzlich ohne sprachlichen Ballast voller Fantasie und Witz. Und das verlangt auch eine besondere Art der Inszenierung, die sich - keinesfalls ausschließlich – besonders an ein jugendliches Publikum richtet.
Mit den beiden Gästen, der Regisseurin Tanja Richter sowie Stephan Fernau für die Ausstattung, hat die Neue Bühne quasi ins Schwarze getroffen. Das Bühnenbild ist offen und konkret zugleich, assoziiert mit Kletterwand sowie abenteuerlich gestalteten Podesten diverse Spielorte in vielfacher Verwandlung. Das schafft zugleich Freiräume für die ideenreiche Regisseurin, der es wunderbar gelingt, den Sprachwitz von Dennis Foon spielerisch zu variieren. Wie beispielsweise zu Beginn, als Bob – eine Rolle, die Benjamin Schaup geradzu auf den Leib geschrieben scheint – und Maggie, von Hanka Mark nicht minder einprägsam gespielt, gewissermaßen „spiegelbildlich“ zum Publikum hin ihre „Mängel“ beschreiben. Da ist man kurzfristig auf schönste Weise irritiert, wen Bob nun als seine Göttin mit verklärtem Blick beschreibt.
Schon der nächste Moment aber schafft Klarheit über die wahren Verhältnisse, und wir erleben die angebetete Sara (nuanciert in der Darstellung von Daniela Voß) mit Luke, den Friedrich Rößiger im Wechsel von Gewaltausbrüchen und eigener Erniedrigung spielt. Da gibt es Blüten-Verklärung und Entzauberung in einem Atemzug, tauchen wir ein in die verdeckten, verschwiegenen Seiten der Lebensgeschichten von Kindern, Eltern, Paaren, erfahren von Abgründen, aus denen ein Auftauchen unmöglich schein.
Lausitzer Rundschau, 15.02.2010
Die Geschichte entfaltet sich zwischen vier Jugendlichen, deren Gewalttätigkeit sich je stärker entwickelt, je verzweifelter ihre Verwundungen durch ihre Eltern sichtbar werden. Die jungen Schauspieler spielen glaubwürdig und überzeugend, sind Typen, die Wirklichkeit abbilden, die Komposition ist einfach. Sprache und Gestik der Jugendlichen gut getroffen.
Das Highlight ist der Kunstgriff, dass die Eltern in Form weißer Schattenrisse im Hintergrund auftauchen, sobald sich Krisen hochschaukeln und dort pantomimisch, die Erinnerungsflashbacks der Jugendlichen zeigen, die mit Drohungen, Krachs, Streit, Verzweiflung aus dem wohl gehüteten Inneren des Privatlebens, den Protagonisten zwischen ihren eigenen Dialogen funken. Dadurch wird sichtbar, wie schwer wir den Mustern der Erwachsenen entrinnen können und wie sehr wir von diesen Mustern bestimmt werden. Auch zeigt sich, als öffne sich ein Fenster, das ganze Ausmaß der in den Abgrund gestürzten Schichten der DDR-Bevölkerung zwischen Hartz IV und Alkohol, Brutalität und Verlassenheit.
Sara schafft es, sich von ihrem Macho zu trennen, es gibt glücklicherweise kein Happy End für Bob, die Welt ist in einem kleinen Ausschnitt gut abgebildet worden, zurück bleibt Leere und die Frage: Was tun?
Anja Röhl, Freie Kritikerin, 18.02.2010
Es gibt da vier Jugendliche, deren Leben geprägt ist von der Sehnsucht nach der großen Liebe und einer heilen Welt, die liebevoll, zart, ängstlich, aber auch brutal und gewalttätig sind. Erzählt wird von Erfolgen und Niederlagen, schönen und zugleich erniedrigenden Beziehungen. So eine Beziehung haben Sara (Daniela Voß, mit sensibler Darstellungskraft, die die Entwicklung der Figur glaubhaft macht) und Luke (Friedrich Rößiger, der die Zerrissenheit dieses Typen deutlich macht). Für beide ist es die große Liebe. Aber Luke ist unberechenbar. Immer wieder schlägt er zu, wenn Sara etwas falsch macht. Anschließend kümmert er sich wieder liebevoll um sein Opfer. Ganz langsam begreift Sara, dass sie sich von ihm trennen muss, um leben zu können. Maggie (Hanka Mark) und Bob (Benjamin Schaup), für den Sara die Traumfrau ist, helfen ihr dabei. Benjamin Schaup stellt eindrücklich den Charakter des Bob dar, der ein naiver, schüchterner, pubertierender, liebenswerter Typ ist. Und Maggie liebt diesen Typ. In der Darstellung von Hanka Mark ist diese Maggie, eine engagierte, nachdenkliche Kämpferin, die die Umwelt und ihre Freundin retten will. Mit ihren Gesten und Körperhaltungen erzählt sie viel über ihre Figur und kommentiert die Spielhandlung. Warum sind diese Jugendlichen so? Sie sind geprägt von ihren Elternhäusern. Um dies deutlich zu machen, haben Tanja Richter und Bühnenbildner Stephan Fernau eine ideale Lösung gefunden. Im Verlauf der Handlung erscheinen die Eltern immer wieder als helle Schatten an den Wänden und die Jugendlichen sprechen die Texte der Eltern selbst. Das Bühnenbild Fernaus, ein mit Kletterwand und Podesten eingerahmter Platz, bietet den Schauspielern wunderbare Spielorte. Sie finden immer den poetischsten Platz, um ihre Gefühle und Befindlichkeiten zeigen zu können. Dem Inszenierungsteam ist es gelungen ein stimmiges, nachdenklich machendes Theatererlebnis zu kreieren.
nachtkritik.de, 16.02.2010
Bühnen sind, und ganz besonders, wenn es um ihr Repertoire für Kinder und Jugendliche geht, stets auf der Suche nach neuen Stücken. Dafür durchforsten die Dramaturgen entsprechende Verlagsangebote und diverse Textbücher, lassen sich zuweilen auch von Aufführungen anderer Häuser inspirieren: Zum Programm des 1993 gegründeten Theaterstückverlages München, der sich trotz vieler Risiken nach wie vor dazu bekennt, mit „einem untrüglichen Instinkt für die richtigen Themen zur richtigen Zeit“ gute Stücke zu verlegen, gehören auch Werke von Dennis Foon. Der Neuen Bühne Senftenberg ist es jetzt erfreulicherweise gelungen, mit „Schattenboxen“(„Mirror Game“) ein Stück von ihm als deutschsprachige Erstaufführung herauszubringen. Mit großem Erfolg, und es lohnt die Neugier, sich diese Entdeckung selbst anzuschauen.
Ein Stück, das auf besondere Art Freiräume lässt für szenisches Ausfabulieren, und das gelingt den beiden Gästen, der Regisseurin Tanja Richter, sowie Stephan Fernau, verantwortlich für die Ausstattung, an der Neuen Bühne bemerkenswert lebendig und unverstellt. Das Bühnenbild ist offen und konkret zugleich, assoziiert mit Kletterwand wie auch abenteuerlich gestalteten Podesten diverse Spielorte in vielfacher Verwandlung. Die ideenreiche Regisseurin weiß diese gut zu nutzen, und sie versteht es auch, den Sprachwitz von Foon spielerisch frei zu variieren.
Ein Theatertext, der in keiner Weise verstaubt ist, in dem Foon genau beobachtete Geschichten von vier jungen Leuten erzählt: Bob – eine Rolle, die Benjamin Schaup geradezu auf den Leib geschrieben ist – Maggi, von Hanka Mark nicht minder einprägsam gespielt, Sara, nuanciert in der Darstellung von Daniela Voß, Luke, den Friedrich Rößiger im Wechsel von Gewaltausbrüchen und eigener Erniedrigung spielt.
Dresdner Neueste Nachrichten, 24.02.2010